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Manche Kritiker wie N. Strachov und M. Katkov erklärten dieses Phänomen damit, dass Bazarow eine sehr strenge Person sein sollte und „просто боится разнеживающего и размагничивающего влияния искусства“. Sie meinten, dass Bazarow die Kunst unter dem Einfluss vom eigenen Asketismus verneinte und sich vor der Kraft der Versöhnung in der Kunst fürchtete.17 Die zweite Hypothese von Bazarows Verneinung der Kunst drückt vor allem die sozialen Faktoren aus. Bazarow wollte nicht nur deswegen keine Kunst anerkennen, weil er in jeder Art der Kunst den Sieg von Phantasie über den menschlichen Willen und auch die allgemeine Lebensversöhnung sah, sondern auch, weil die Kunst in den 60er Jahren unberechtigt an die erste Stelle von Poeten und Kritikern gestellt wurde, also höher, als alltägliche bürgerliche Probleme und wichtige politische Fragen, die eigentlich zuerst gelöst werden sollten. Zu der Zeit, als der Roman veröffentlicht wurde, war die Triumphale Demonstration der Theoretiker „Искусство для искусства“ bereits vorbei. An ihre Stelle kamen bürgerliche und publizistische Interessen der Gesellschaft. Auf den Seiten mehrerer Zeitschriften waren allerdings ständig Versuche unternommen worden, die Interessen der Jugend, die auf gesellschaftliche und politische Fragen gerichtet waren, auf ästhetische Fragen der „reinen Kunst“ umzuorientieren.
Die nichtadeligen Demokraten wie Černyševski waren der Meinung, dass besonders in der schwierigen Zeit von sozialen Konflikten die Kunst nicht an erster Stelle stehen sollte, da es mehrere Bereiche gab, die zu der Zeit wesentlich wichtiger waren. Wenn Bazarow sich negativ über Schubert oder Puškin äußerte, richtete er damit seine Kritik weniger auf die Künstler selbst, sondern auf ihre Rollen in der Lösung wichtiger Fragen der Gegenwart. In der Handschrift strich Turgenev den früher vorhandenen Dialog vom Pavel Petrovič und Bazarow weg, was den Grund von Bazarows Verneinung der Kunst vollkommen erklärte: „Коли вы так строги к поэтам, то уже разумеется, живописцам, музыкантам и прочим художникам от вас пощады ждать нечего? – Не о пощаде реч, я в них пользы не вижу.“
An erster Stelle standen für Bazarow die Naturwissenschaften, nur sie konnten seiner Meinung nach die sozial-politische Situation in Russland verbessern. Die Lösung der maßgeblichen Probleme der 60er Jahre, wie die Befreiung der Bauern, die Entwicklung der Naturwissenschaften, die Volksaufklärung und die philosophische Ideologie der Bevölkerung, mussten zunächst innerhalb der Gesellschaft vollzogen werden. Bazarows Ausführungen, welche die Meinung mehrerer Vertreter der neuen Generation zusammenfassten, hatten folgende Aussage: die Kunst, die die Begeisterung für das Schöne an die erste Stelle setzte, lenkte die Gesellschaft von dem Angehen bedeutenderer Probleme ab und propagierte eine sorgenfreie panegyrische Lebenseinstellung. Bazarows Worte „Рафаэль гроша медного не стоит“, hatten in diesem Fall folgende Bedeutung: wenn Rafael, den die Kunstanhänger so vergötterten, das Allerwichtigste im Leben sein sollte und alles andere, wie Probleme der Aufklärung und das Streben zur gesellschaftlichen Entwicklung, übersteigt, dann braucht man keinen Rafael. Es war eine typische Reaktion von einem Vertreter der neuen Generation auf den Versuch, die Kunst zu fetischisieren. Bazarows Worte beweisen seine opportunistische Lebenseinstellung und Zuneigung zur Nützlichkeitstheorie. Was sich allerdings nicht bestreiten lässt ist die Tatsache, dass ihm mehrere Kunstwerke bekannt waren: er zitierte auswendig aus „The Brige of Abydos“ von Byron, erwähnte die englische Schriftstellerin Radcliffe und einen romantischen Helden einer Ballade von Schiller – den Ritter Toggenburg.
Viele liberalen Ideologen wie P. Annenkov, A. Družinin, A. Tolstoi und A. Fet stellten die Kunst auf den ersten Platz. Turgenev hat ihre Ansichten überwiegend geteilt, was den Meinungsunterschied mit Bazarow in dieser Hinsicht belegte. Für Turgenev war die Kunst in den Jahren, als er „Väter und Söhne“ schrieb, sehr bedeutend und „сильнее самой природы“ – wie er es selber formulierte. Die Entwicklung von öffentlichem Gedankengut stellte sich Turgenev als Grund für einen möglichen Niedergang der Kunst vor. Diese Tatsache belegte auch die Meinung von mehreren studierten Naturwissenschaftlern der 60er Jahre: das Interesse für Kunst und für Ästhetik hielten sie für nicht mehr aktuell. Sie erkannten zwar die große Rolle der Schriftsteller und Maler in der Verbreitung der neuen öffentlichen Gedanken und in der Erziehung der neuen Weltanschauung an, waren aber überzeugt, dass die schöne Zeit der Romantik und der Kunst allgemein längst vorbei war. Von daher folgt die Replik von Bazarow im 9. Kapitel: „И охота же быть романтиком в нынешнее время!“ Büchners „Kraft und Stoff“ belegt ebenso folgende Ansicht: in seinem Werk schrieb er, dass in der Literatur „die Zeiten der Romantik“ endgültig vorbei sind. Auch die von den Romantikern verklärte Liebe hielt er im Grunde für einen „bloß physiologischen Vorgang“. Auch Büchners Meinung, dass „der Menschengeist ein Produkt des Stoffwechsels“ ist und „jedes lebendige Wesen vor allem ein „chemisches Laboratorium“ ist, so dass „Menschen- und Thierseele fundamental dasselbe“ sind18 – entspricht der Meinung von Bazarow, der auch die Natur als „мастерская“ und alle Lebewesen als gleichaufgebaute Elemente betrachtete.
Aus der Analyse von Bazarows politischen, philosophischen, wissenschaftlichen und ästhetischen Ansichten und seiner Beziehung zum Volk lässt sich ableiten, dass sein Charakter sehr wichtige und typische Züge der Jugend der 60er Jahre wiederspiegelte und auch viele materialistische Ansichten der deutschen und russischen Nihilisten vertrat. Wie es oben schon erwähnt wurde, war im Laufe des Romans sein Charakter einer Evolution unterworfen. Das Prozess und die Folgen dieser Evolution werden im folgenden Abschnitt erläutert.
Evolution im Bazarows Charakter
Bis zum 14. Kapitel, im dem die Bekanntschaft Bazarow mit Odintsova stattfand, wirkte Bazarow als ein Mensch mit nüchternem und tiefem Verstand, der selbstbewusst, stolz und zielstrebig war, der weder Pessimismus noch Skepsis besaß und der einen starken Einfluss auf andere Menschen hatte. Bazarows Verhalten belegte auch seine Fähigkeit, anderen Menschen mit seinen Kenntnissen, Logik und Willen unter Druck zu setzen. Der Dialog mit Arkadi im 21. Kapitel beweist seine hohe Meinung über sich selbst und sein Selbstbewusstsein - (Arkadi): „A ты на себя надеешься? Ты высокого мнения о самом себе? – Когда я встречу человека, который не спасовал бы передо мною, тогда я изменю своё мнение о самом себе.“ Vom 14. bis 18. Kapitel entwickeln sich die Beziehungen zwischen Bazarow und Odincova. Der Autor zeigte, dass in Bazarows Verhalten langsam bestimmte Veränderungen heranreiften, die mit dem Kampf von Bazarow mit sich selbst verbunden waren: seine Lässigkeit und Frechheit im Umgang mit den Leuten sind verschwunden, sowie die Selbstbeherrschung. Im Gegenteil, die ihm immer fremde Verlegenheit und Scheu kamen in Odincovas Anwesenheit zum Vorschein. Im 17. Kapitel erläuterte der Autor selbst diese Veränderungen: „В Базарове(…) стала проявляться небывалая прежде тревога: он легко раздражался, глядел сердито и не мог усидеть на месте, словно что его подмывало“. Die Beziehung zwischen Bazarow und Arkadi haben sich ebenso verändert: sie verbrachten weniger Zeit zusammen, Bazarow redete nicht mehr mit Arkadi über Odincova und kritisierte nicht mehr ihre „аристократические замашки“. Der Grund für all diese Veränderungen formulierte Turgenev folgenderweise: „Настоящей причиной этой „новизны“ было чувство, внушенное Базарову Одинцовой, чувство, которое его мучило и бесило, и от которого он тотчас отказался бы с презрительным хохотом и цинической бранью, если бы кто-нибудь хотя отдалённо намекнул ему на возможность того, что в нём происходило.“ Bazarow – der leidenschaftlicher Feind von Romantik „с негодованием осознавал романтика в самом себе“ und akzeptierte den Begriff „красота“. An dieser Stelle führte Turgenev Bazarow zum schwersten Schicksalsschlag – er erlitt ein Fiasko in der Liebe. Dieser Zusammenbruch hatte schwere Konsequenzen für Bazarow: ab dem 18. Kapitel revidierte er seine radikalen Überzeugungen. Eine tiefe pessimistische Philosophie fing an ihn zu durchdringen. In seinen Äußerungen spürte man Traurigkeit und Verzweiflung: „Каждый человек на ниточке висит, бездна ежеминутно под ним разверзнуться может“. Sein Selbstbewusstsein verschwand, die Erbitterung und der vergebliche Wunsch, sich von der neugeborenen Romantik zu befreien, kam zum Vorschein. Bazarow gelang es nicht, wieder so zu sein, wie er vor der Bekanntschaft mit Odincova war. Er fühlte sich niedergeschlagen und verletzt bis zum Ende des Romans.
Das Gespräch mit Odincova im 25. Kapitel stellte Klarheit in ihren Beziehungen: beide kamen zum Schluss, dass kein gegenseitiges Gefühl zwischen ihnen entstehen würde. Bazarow versuchte sie beide zu überzeugen, dass er „давно опомнился и надеется, что другие забыли его глупости“. Die Entschuldigungen von Odincova stimmten mit denen von Bazarow überein. Das Gesagte schien aber nicht allzu überzeugend zu sein, selbst der Autor glaubte nicht dem, was seine Helden aussprachen. Wie ein Psychologe verstand Turgenev, dass die Logik von menschlichen Sympathien sehr kompliziert ist und den Äußerungen von den Menschen sehr selten entspricht. Zweideutig kommentierte er das Gespräch von Bazarow und Odincova im 25. Kapitel: „…Они оба думали, что говорили правду. Была ли правда, полная правда в их словах? Они сами этого не знали, а автор и подавно”.
In den letzten Kapiteln gelang es Bazarow nicht, sein Wutgefühl, die Verwirrung und seine Bitterkeit zu überwinden, sie begleiteten ihn bis zum Ende des Romans. Seine Worte zu Odincova im 27. Kapitel – „Дуньте на умирающую лампаду, и пусть она погаснет…“ – klangen wie ein letzter romantischer Akkord. Damit hat Turgenev seine Idee verwirklicht – Bazarow musste vor der Liebe, der verhassten Romantik und vor dem allmächtigen Leben resignieren.
Der Forscher Iv. Ivanov analysierte das Sujet von „Väter und Söhne“ und schrieb: „Нигилизм нашел свою судьбу там же, где и гегелианство: у ног женщины“.19 In allen bisher stattgefundenen Konflikten erhielt Bazarow den Sieg, er beeindruckte den Leser mit seinem brillanten Verstand und seiner Logik, in der praktischen Tätigkeit zeigte er sich als ein intelligenter und belehrter Wissenschaftler. Das Pech in der Liebe allerdings stürzte ihn von seinem Thron. Damit bewies Turgenev, dass die unglückliche Liebe sogar einen solchen "Giganten" wie Bazarow niederschlagen kann.
„Мысль о человеческом ничтожестве“ im Roman
Unter den philosophischen Problemen, mit denen sich Turgenev im Laufe des Schaffens seiner Werke beschäftigte, war das Thema der menschlichen Bedeutungslosigkeit (мысль о человеческом ничтожестве). Das Ende von „Otcy i deti“ (der letzter Absatz), der mehrere Deutungen hat, spricht diese Frage in gewisser Weise an. In einem Resümee an den Roman schrieb Herzen: „Реквием на конце – с дальним апрошем на бессмертие души – хорош, но опасен, ты эдак не дай стреча в мистицизм“.20 Auf diese Bemerkung antwortete Turgenev in seinem Brief, dass er „в мистицизм не ударился и не будет ударяться“. Tatsächlich hat das Ende vom Roman sehr wenig Gemeinsames mit dem Mystizismus. Die Frage von der Existenz Gottes war für Turgenev noch in den Zeiten seiner Bekanntschaft mit Belinski negativ gelöst worden. In der Zeit des Schaffens von „Otcy i deti“ versuchte er eine Mittelstellung zwischen Atheismus und Religion anzunehmen, was ihm allerdings nicht bedeutend gelang. Im Epilog des Romans sprach der Autor das Thema „о вечном примирении и жизни бесконечной“ an, das tief mit dem Motiv von „грешном, бунтующем сердце“ von Bazarow verbunden war. Von daher konnte abgeleitet werden, dass diese „примирение“ und „жизнь бесконечная“ Bazarow versprochen wurden. Da Turgenev Mystizismus ablehnte, bezogen die Kritiker den zweideutigen Sinn vom Romanepilog auf einen persönlichen Zweifel Turgenevs in mehreren philosophischen Überzeugungen in der Zeit des Schaffens. Der Epilog stellt eine künstlerisch gelöste, philosophische Synthese mancher ästhetischen Fragen dar, die Turgenev beschäftigt haben.
Die Tatsache, dass die Natur allmächtig und ewig sei, ist seit langer Zeit festgestellt worden. Die Gedanken und die Gefühle eines Menschen sind auch ewig, sie kehren immer wieder in den neuen Menschen zurück. Das Auftreten von dem beliebten Ausdruck Turgenevs „равнодушная природа“ war deswegen im Romanepilog völlig berechtigt. Eine philosophisch-elegische, sogar pantheistische Stimmung des Epilogs, die keinesfalls als religiös oder mystisch betrachtet werden kann, ist dadurch gewonnen worden.
In einem Artikel von M. K. Azadovski „Об одном сюжетном совпадении („Смерть аттеиста“ в романе Омулевского)“21 gab es folgenden Kommentar zu dem Romanende von „Otcy i deti“: „Раскаившийся и примирившийся с „небом“ перед смертью атеист – была одна из популярнейших тем не только у представителей реакционного крыла (…)“. In Turgenevs Roman allerdings befand sich Bazarow weit von den Gedanken über „раскаяние“ und „примирении с небом“. Als ein überzeugter Atheist, sogar vor dem Sterben lehnte Bazarow „просьбу отца причаститься“ ab. Aus dem Verhalten von Bazarow in Bezug auf die Religion lässt sich schließen, dass der Autor mit sehr deutlichen Strichen das Bild eines folgsamen Atheisten darstellte. Das Ablehnen von Religion durch die nichtadelige Generation der 60er Jahre war durch ihre Theorie der Verneinung von allen existierten Normen geprägt worden, was sich auch in Bazarows Charakter wiederspiegelte.
Das Thema „человеческого ничтожества“ war eins der führenden Probleme der atheistischen Theorie. In den Äußerungen von Bazarow im Laufe des Romans ist dieses Thema deutlich zu spüren. (Kapitel 21.: „(…) они вот, мои родители то есть, заняты и не беспокоятся о собственном ничтожестве, оно им не смердит (…)“, Kapitel 22.: „Узенькое местечко, которое я занимаю, до того крохотно в сравнении с остальным пространством, где меня нет и где дела до меня нет; и часть времени, которую мне удаётся прожить, так ничтожна перед вечностию (…).“). Diese Überlegungen haben mit der Abschätzung vom menschlichen Leben und der Verachtung von Menschen selbst wenig gemeinsam. Sie beziehen sich größtenteils auf die bedeutsamen Themen „Mensch und Natur“ und „Mensch und Ewigkeit“ und spiegeln die Gedanken einer denkenden und intellektuellen Person wider. Turgenev wollte in seinem Roman einen Menschen darstellen, der alles bis auf den Verstand bezweifelt und keine Macht von den anderen akzeptiert, in diesem Fall - die Macht einer zu ihm gleichgültigen „Gottheit“ – der Natur. Bazarow protestierte gegen die Urgesetze der Natur. Er fühlte sich wie ein kleines Atom, „песчинка“ oder „червяк раздавленный“ und wollte sich mit seiner mickrigen Lage nicht abfinden.















